Samstag, 16. Mai 2020

Systemrelevanz

Seit Wochen schon verfolge ich die Postings und Kommentare der diversen KollegInnen und ich habe mir so meine Gedanken gemacht:
Stichwort "Systemrelevanz"
Sind wir wirklich so wichtig?
Würde die Welt ohne uns anders aussehen?
Wäre sie schöner, oder hässlicher?
Wie wichtig ist Kultur in Zeiten von Comedians in Stadien, Netflix und Premium-Zugang für pornhub?
Wieviele Arbeitsplätze sichern wir, wieviele Übernachtungen werden nur wegen uns gebucht (nein, ich meine nicht nur die Groupies)?
Ich hole mal aus: vor etlichen Jahren gab es den berühmten Kampf Metallica vs. Napster und ich bin noch immer der Meinung, damals gaben Künstler etliche ihrer Rechte auf, nur damit man "Fans" nicht verärgert.
Ich persönlich sehe es noch immer so - ICH will entscheiden können, was mit meiner Kunst passiert, ICH entscheide, ob ich Veranstalter kontaktiere, ob ich auftreten kann, ICH will entscheiden, ob ich was auf youtube stelle oder nicht, oder ob ich aus meinem Wohnzimmer einen live-stream sende oder nicht.
Leute, die grossspurig verkünden "Kunst muss frei sein" sollen
1. Selber Kunst erschaffen und frei hergeben
 2. Meine Erlagscheine für ein paar Jahre übernehmen und
 3. Einfach scheissen gehen!
Leute, die meine Kunst stehlen, sind keine Fans, sondern Diebe!
Nur damals wollte man es sich halt nicht mit den "Fans" verscherzen.
Plötzlich gab es nicht nur Musik gratis im Internet, sondern auch Hörbücher, Filme und Tageszeitungen.
Uns, hui, eines Tages kamen einige schlaue Leute drauf "gratis ist doch nicht so leiwand"
Umsätze gingen zurück, natürlich auch die Gewinne und etliche Leute aus der Medienbranche sassen auf der Strasse.
Kann mich noch erinnern, wie ein Journalist einer Band auf Facebook schrieb "hey, ihr seid auf Platz 1 der XY-Download-Charts (Namen habe ich vergessen)" und komplett perplex war, dass die Band nicht in seinem Jubel miteinstieg.
Die Band sah nämlich, dass die Verkaufszahlen nicht ansatzweise befriedigend waren und sie etliches Geld in die Produktion gesteckt hatten, das sie nicht mal bruchstückweise verdienen würde.
"nur mit live spielen verdient man noch Geld" - wie lange schon höre ich diesen Schwachsinn.
Sicher, die grossen Band verlangen Preise, wo man schon überlegt, eine Niere im Dorotheum zu verpfänden, aber hat schon irgendwann mal jemand darüber nachgedacht, was man alles lernen, leisten und investieren muss, um dorthin zu kommen, wo man überhaupt live auftreten und Geld verdienen kann?
Und hier wieder einige Ansätze, die vielleicht nicht so leiwaund sind - viele Künstler geben sich für fast alles her um publicity zu bekommen.
Reality shows, talk shows, Seitenblicke-Bussi Bussi...
Als "Normalsterblicher" wird man schon erschlagen von der Präsenz diverser Künstler.
Man zappe mal herum: CSI Gänserndorf, Kultur, reality soap, Hitler, doku-soap, Mord, Hitler, Totschlag, Comedy, Talk-Show, Sport, habe ich Hitler schon erwähnt?
Und auf youtube findet man von jedem Künstler genug Filme, dass es für 3 Leben reicht.
Ich kann nur für mich sprechen, aber bei mir liegen ca. 70CDs herum, die ich mir noch nie angehört habe und die Liste in meinem Kopf, welche Filme ich mir demnächst ansehen möchte, wird auch nicht kürzer.
Und was bewirkt Kunst überhaupt noch.
Man steht auf der Bühne, teilt seine Geistesblitze und Höhepunkte mit dem Publikum, ist sarkastisch, witzig und unglaublich geistreich und die Leute sitzen da, schütteln das Haupt, wie der Wackeldackel im Auto, stehen nach der Vorstellung auf und drehen als allererstes das Handy wieder auf, lesen ihre verpassten whatsapp und zählen ihre likes, die sie für Fotos der Veranstaltung bekommen haben.
Systemrelevanz sieht irgendwie anders aus und ich wünschte mir wieder mal Künstler, die wirklich gefährlich sind, die sich nicht anpassen und dieses Medienspiel nicht mitspielen.
Künstler, die nicht auf der Bühne verkünden, sie sch... auf die Medien und gehen nach der Vorstellung mit dem Kulturchef von Oje 3 auf ein Naserl in die Innenstadt....
Derselbe Kulturchef, der froh ist, noch seinen halbwegs guten Job zu haben und alles hochlobt, was ihn die Agenturen und Medienmachern vorlegen und mit Werbeseiten bezahlen....
Kunst sollte nicht angepasst sein, Kunst sollte bewegen, etwas in Menschen auslösen, nicht wurscht sein!
Es wäre wirklich mal Zeit für einen ordentlichen Oarschtritt!
Und eines Systems, dass endlich eine faire Bezahlung für Künstler ermöglicht, das sie nicht zu Bittstellern degradiert und sie unabhängiger macht.

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